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»Völlig neuartige Inszenierung möglich«

Interview mit Prof. Volkwin Marg

Die Entscheidung, die Entwürfe von Zaha Hadid und Francois Valentiny auszuwählen, war ein langer Prozess. Wie müssen wir uns diese Diskussion vorstellen?
Marg: Architektur ist keine freie Kunst. Sie ist gebunden an die Wünsche des Auftraggebers, sie muss dem Zweck dienlich bleiben, sie inszeniert im öffentlichen Leben, sie muss tektonisch die technischen Erfordernisse konstruktiv umsetzen und den wirtschaftlichen Aufwand im Rahmen des Möglichen begrenzen. Das ist eine komplexe Zielsetzung und dementsprechend haben die Stifter des Festspielhauses ein besonderes Auswahlverfahren gewählt. Zunächst war es ein kooperatives Verfahren, eine Entwurfsentwicklung im Dialog zwischen den Architekten und dem Auftraggeber. Sodann war es ein mehrstufiges Wahlverfahren bei dem zunächst aus zehn Entwürfen vier Halbfinalisten, dann im Halbfinale aus vier Entwürfen zwei Finalisten und letztlich im Finale aus zwei Entwürfen der zu realisierende Entwurf gewählt wird. Das Beurteilungsgremium hat sich aus einer Kommission für Architektur und einer für Akustik zusammen gesetzt. Diese beiden Kommissionen haben sich dann in der zweiten Beurteilungsstufe in Untergruppen geteilt und schließlich wurde in einem erweiterten Plenum entschieden, das nicht von einer Mehrzahl von Architekten dominiert wurde.

Was ist Ihre Rolle in diesem Prozess?
Marg: Meine Rolle war die des steuernden Mediators. Die mehrfachen Präsentationen der konkurrierenden Architekten waren auch ein Dialog mit dem Beurteilungsgremium, und aus den naturgemäß geteilten Meinungen der Expertengruppen musste ein produktiver Diskurs und schließlich ein deutliches Votum gebildet werden.

Alle vier Entwürfe stellen Weltklasse-Architektur dar. Was hat den Ausschlag gegeben, sich für die Weiterentwicklung der Entwürfe von Hadid und Valentiny zu entscheiden?
Marg: Bereits die Auswahl der zehn eingeladenen Architektengruppen demonstrierte einen hohen Anspruch, und er wurde durch die eingereichten Projekte samt ihren akustischen Angeboten nicht enttäuscht. Schade, dass man nicht mehrere davon bauen kann. Sie wären ein faszinierendes Kaleidoskop mustergültiger Entwürfe im Dialog mit dem Baudenkmal, der Tradition bewährter architektonischer Moderne, und verheißungsvollen Zukunftsvisionen geworden. Das Auswahlgremium hat sich mit großer Mehrheit dazu entschlossen, die zukünftigen Beethovenfeste in besonders signifikanten Festspielhäusern in Gestalt von Solitären am Rhein stattfinden zu lassen, die zugleich als neuartige Resonanzkörper die beste Konzertsaal-Akustik erwarten lassen. Bei allem Respekt vor den angebotenen glänzenden Beispielen für die Fortschreibung der klassischen Moderne und trotz hoher Wertschätzung der traditionsreichen Beethovenhalle von Siegfried Wolske, die auch als historisch bedeutsamer Ort für Bonn als Bundeshauptstadt unter Denkmalschutz steht, ist der Chance einer völlig neuartigen Inszenierung des Beethovenfestes in akustisch und architektonisch eindeutig neuartigen Solitären der Vorzug gegeben worden.

Welchen Stellenwert hatte die Frage nach der Akustik der Konzertsäle im Entscheidungsprozess? Kommt zuerst die Akustik und dann die Gestalt?
Marg: Konzertsäle sind Instrumente für die musikalische Wahrnehmung. Wir hören mit den Ohren, aber auch mit den Augen und unserem Gefühl in seiner sozialen Einbindung. So, wie wir Menschen bei der Wahrnehmung eine Ganzheit bleiben, muss auch das Instrument Konzertsaal eine ganzheitliche Erfahrung vermitteln. Die Musik steht akustisch natürlich im Mittelpunkt, und die optische und soziale Erfahrung des Publikums ist unverzichtbare Begleiterscheinung. Die optimale Synthese von akustischer, emotionaler und sozialer Funktion will von jeher immer das Ganze, aber unsere Vorstellung davon ist stets im Wandel, wie die Musik und die Gesellschaft auch.

Wie geht es weiter mit den beiden Planungen?
Marg: Den Stiftern des Festspielhauses geht es nicht nur um schöne Pläne, sondern viel mehr um gebaute Realität. Die setzt auch Genehmigungen in allen Details, endgültige Absprachen für Einzelheiten der Nutzung sowie verbindliche Angebote für bezahlbare Baukosten voraus. Darum sollen im Finale beide Entwürfe bis zur Baugenehmigungs- und Angebotsreife weiterentwickelt und marktgerecht von Baufirmen kalkuliert werden, um ohne Zeitverlust die Voraussetzungen für die letztendliche Entscheidung der Stifter zu schaffen.

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